Thomas Nedden - hörgeschädigter Pädagoge
Ich bin von Geburt an hörgeschädigt und habe einen „integrativen“ Bildungsweg hinter mir. Die Grundschule und Realschule habe ich in Schleswig-Holstein besucht und wurde dort drei bis vier Mal im Jahr von einem Sonderpädagogen aus Schleswig betreut.
Dieser vermittelte meinen Lehrern Grundlagen zum Thema „Hörschädigung“. Das löste aber nicht die Probleme, die ich hatte. Die Klassen waren mit ca. 30 SchülerInnen viel zu groß, sodass ich meine Mitschüler nur selten verstand. Die Lehrer hielten sich oft nicht an die Tipps des Integrationspädagogen, weil ich als einziger Hörgeschädigter unauffällig war.
Somit bekam ich, wenn überhaupt, im Unterricht nur etwas mit, wenn ich Glück und genug Kraft zur entsprechenden Konzentration hatte. Außerdem gab es an den Schulen keinen anderen Hörgeschädigten, mit dem ich mich hätte austauschen können. Die unsicheren Kommunikationssituationen führen oft dazu, dass sich die Hörgeschädigten unauffällig verhalten und zurückziehen – das tat ich auch. Dieses Verhalten führte dazu, dass ich mich mehr und mehr von meinen MitschülerInnen entfremdete. Mit intensiver häuslicher Nacharbeit des schulischen Lernstoffes erreichte ich meinen Realschulabschluss.
Da ich mich nicht für einen Ausbildungsberuf entscheiden konnte, wechselte ich auf das Lohmühlen-Gymnasium - ein Tipp von meinem Betreuer aus Schleswig. Das war für mich eine ganz neue Erfahrung! Die Zeit auf der „Lohmühle“ waren für mich persönlich die wichtigsten Jahre meiner Schullaufbahn. Ich konnte dem Unterrichtsgeschehen jetzt folgen und lernte andere Hörgeschädigte kennen. Das half mir dabei, meine Identität als Hörgeschädigter entwickeln und mein Selbstbewusstsein zu stärken, was mich zum dem gemacht hat, was ich heute bin: ein Lehrer mit einer Hörschädigung an meiner „alten“ Schule – einen Schritt, den ich bis heute nicht bereut habe!
(Auszug aus PDF ...)